Dossier GIS International

GIS Georgien (Geomatik Shweiz 12/2003)
GIS Ungarn (VPK 4/2000)
GIS Liechtenstein (VPK 7/98)
GIS China (VPK 7/98)
GIS Kanada (VPK 2/98)
GIS Polen (VPK 1/98)
GIS Weissrussland (VPK 2/97)


Kataster- und Landregistrierungssystem in Georgien

In der ehemaligen Sowjetrepublik Georgien werden, wie in andern Transitionsländern, Anstrengungen zur Schaffung eines Kataster- und Landregistrierungssystems unternommen, um damit die Eigentums- und Besitzrechte an den privatisierten und verpachteten Grundstücken zu sichern. Damit soll der Aufbau eines funktionierenden Bodenmarktes und eines zuverlässigen Bodenkreditsystems ermöglicht werden.

J. Kaufmann

Der Präsident Georgiens ist der bestens bekannte letzte Aussenminister der ehemaligen Sowjetunion Eduard Schewardnadze. Dank seinen guten internationalen Beziehungen konnte er verschiedene Nationen und Organisationen dazu gewinnen, die Arbeiten zur Schaffung eines Kataster- und Landregistrierungssystems zu unterstützen. Dies führte dazu dass gegenwärtig die United States Agency for International Development USAID), die Weltbank (WB), die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit GTZ), die schwedische Swedish International Development Agency (SIDA), die Weltbank und das United Nations Department for Economic and Social Affairs (UNDESA) parallel im Bereich Kataster und Grundbuch tätig sind.

Diese Vielfalt hat zwar den Vorteil, dass erkleckliche finanzielle Mittel ins Land fliessen. Der Nachteil ist, dass verschiedene Auffassungen über den Kataster, dessen Aufbau und Inhalt und Rechtswirkungen aufeinanderprallen, was insbesondere die Repräsentanten des Empfängerlandes unsicher macht und die Gefahr in sich birgt, dass schlussendlich wenig kompatible Teilsysteme entstehen. Die schwierigste Aufgabe in diesem Kontext ist die Koordination der Projekte.

Der Schreibende ist 1998 von der UNO mit der Funktion als Chief Technical Advisor (CTA) für das UNDESA-Projekt beauftragt worden und in dieser Eigenschaft gegenüber dem Geldgeber für alle Aspekte des Programms verantwortlich.

Im Folgenden wird über dieses Projekt, das durch die lokale Vertretung der UNO durch das United Nations Development Programm (UNDP) als Implementing Office begleitet wird, berichtet.

Inhalt des Projektes

Das UNO-Projekt besteht aus folgenden Komponenten:

Aufbauen einer lokalen Projektorganisation und Ausbildung des Projektpersonals in Projektmanagement, Controlling, Katasterwesen und Vermessung;

Reorganisieren der Katasterbehörde, so dass sie ein modernes Katastersystem optimal einsetzen kann;

Renovieren, möblieren und ausrüsten von geeigneten Büroräumlichkeiten als regionale Katasterbüros, um einen transparenten und effizienten Publikumsverkehr zu gewährleisten;

Erstellen einer Software zur Erfassung und Verwaltung der Faktoren für die Grundsteuern, erfassen der Steuerfaktoren und berechnen der Grundsteuern für alle Landeigentümer und Landbesitzer des Landes zuhanden des Finanzministeriums;

Erstellen einer Software für die Erfassung und die Verwaltung von Grundbuchblättern mit Verbindung zu einer geographischen Datenbank und anwenden und testen dieser Software in einem Pilotbezirk;

Vermessen der Grundstücke und der Bodenbedeckung in einem Pilotbezirk und Abgabe der Eigentumszertifikate an die Eigentümer der privatisierten Grundstücke;

Aufbauen eines geographischen Landinformationssystems für den Pilotbezirk Gori.

Als Pilotbezirk wurde der Bezirk Gori ausgewählt, in dessen Hauptstadt Gori der legendäre Sohn Georgiens, Josef Dschugaschvili, besser bekannt unter dem Namen Josef Stalin, zur Welt gekommen und aufgewachsen ist.

Gewissermassen wird mit den Arbeiten ein Teil des Lebenswerkes Stalins wieder rückgängig gemacht. Der Bezirk Gori umfasst rund 10'000 km2 also knapp ein Viertel der Fläche der Schweiz und es sind dort rund 150'000 Grundstücke vorhanden, die zu vermessen sind. Das Projekt hat ein eigenes Label entwickelt, das in Abbildung 2 dargestellt ist.

Projektorganisation

Das Projekt wird von der UNO und der georgischen Regierung gemeinsam finanziert. Der nationale Projektdirektor David Egiashvili ist ein Nationalökonom, der gleichzeitig beim State Department for Land Management (SDLM) Mitglied Geschäftleitung ist. Ihm steht ein Team von lokalen Spezialisten zur Seite, welches von der UNO angestellt und entlöhnt wird. Das Team bereitet die Arbeiten vor und lässt sie durch Unternehmer, die in der Regel mittels einer sorgfältigen Ausschreibung der entsprechenden Arbeiten ermittelt werden. Das Organigramm ist in Abbildung 3 dargestellt.

Die Mitarbeiter des Teams sind gut qualifiziert und sie werden durch den Chief Technical Advisor laufend weitergebildet. Mittlerweile ist das Team fachlich sehr kompetent und in der Lage, anspruchsvolle Aufgaben mit einem Minimum von Betreuung selbständig zu lösen.

Bisherige Resultate

Der Aufbau der Projektorganisation war ein voller Erfolg. Dank guter Kenntnis der georgischen Verhältnisse gelang es insbesondere dem Teamleader qualifizierte Personen zu finden und zu rekrutieren.

Die Mitarbeiter des Teams werden durch den Chief Technical Advisor einerseits und durch den Besuch einschlägiger Kurse und Seminare laufend weitergebildet. Mittlerweile ist das Team fachlich sehr kompetent und in der Lage, anspruchsvolle Aufgaben mit einem Minimum von Betreuung selbständig zu lösen. Eine Glanzleistung war die Gestaltung der Ausschreibungsunterlagen für die Neuvermessung des Bezirks Gori.

Die Reorganisation der Katasterbehörde ist eine Daueraufgabe. In regelmässigen Gesprächen des Chief Technical Advisors mit Zurab Gegechkori, dem Chef des State Department for Land Management SDLM, der den Rang eines Ministers innehat, werden Mittel und Wege gesucht, die Organisation und die Leistungsfähigkeit des Katasters zu optimieren. Dabei beeinflussen die andern, parallel laufenden, Projekte den Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozess signifikant. Eine der Hauptaufgaben in diesem Bereich ist die Sicherstellung der Koordination zwischen diesen Projekten. Dank der Stellung der UNO kommt dabei dem UN-Projekt eine Schlüsselrolle bei der Koordination zu.

Die Bereitstellung renovierter und gut ausgerüsteter Räumlichkeiten in zehn Bezirken konnte innert Frist und im Rahmen des vorgesehenen Budgets durchgeführt werden. Die renovierten Räumlichkeiten umfassen einen grossen Raum, wo die Kunden empfangen und bedient werden. Zudem sind Büro- und Archivräume vorhanden, welche mit Computern, Kopiermaschinen, Telefon und Fax, sowie, Internetverbindungen ausgerüstet worden sind. Die renovierten Räumlichkeiten und die neue Ausrüstung bewirkten einen Motivationsschub, der sich in guten Arbeitsleistungen niederschlägt.

Die Software für die Erfassung und Verwaltung der Steuerfaktoren und diejenige für die Landregistrierung wurden durch eine georgische Software-Entwicklungsfirma erstellt. Das Projektteam analysierte die Bedürfnisse und erarbeitete die entsprechenden Spezifikationen. Dabei wurden beide Softwareprodukte als ein Paket betrachtet, weil die zu erfassende und zu verwaltende Information in grossen Teilen identisch ist. Im Rahmen eines offenen Ausschreibungsverfahrens wurden Lösungsvorschläge eingefordert. Die Offerte hatten die Beschreibung der angebotenen  Lösung zu enthalten und in einem weiteren Couvert den Preis für die offerierten Leistungen anzugeben. Die Offerten wurden sorgfältig nach den Regeln der UNO evaluiert. Dabei wurden zuerst die angebotenen Lösungen auf ihre Tauglichkeit beurteilt. Nur für diejenigen Lösungsvorschläge, welche die Anforderungen erfüllen konnten, wurde das Preiscouvert geöffnet. Die günstigste Lösung ergab sich aus der Kombination der gewichteten Rangierung der Qualität des Lösungsvorschlages mit der gewichteten Rangierung des Preisangebots. Die gewählte Firma lieferte die verlangten Produkte zeitgerecht und im offerierten Kostenrahmen. Die Aktion war ein voller Erfolg und die Software für die Landregistrierung entwickelte zum Koordinationsinstrument. In allen Projekten wird mittlerweile diese Software angewandt.

Die Beschaffung der Daten für die Ermittlung der Steuerfaktoren mit Hilfe der obgenannten Software wurde ebenfalls gemäss dem UNO-Prozedere öffentlich ausgeschrieben. Vier Firmen wurden für diese Operation ausgewählt und es war möglich dem Finanzministerium die Steuerdaten rechtzeitig und flächendeckend zu liefern. Als eine schwierige Aufgabe erweist sich, die Organisation einer nachhaltigen Nachführung dieser Information, die jährlich wieder für eine neue Steuerrechnung benötigt wird.

Die Grundstückvermessung über den ganzen Bezirk Gori wurde ebenfalls durch öffentliche Ausschreibung, wiederum nach denselben Prinzipien an eine private Organisation vergeben. Dabei war die Gestaltung der Ausschreibungsunterlagen für die Neuvermessung des Bezirks Gori eine Glanzleistung des Projektteams. Die georgische Gesellschaft für den Schutz der Rechte der Grundeigentümer (APLR: Association for the Protection of Landowners Rights), eine politisch aktive und kompetente Nichtregierungs-Organisation (NGO) erhielt den Zuschlag dank ihrem technisch und organisatorisch einwandfreien Lösungsvorschlag, der gleichzeitig auch die geringsten Kosten verursacht. Der Vorschlag umfasste die Kombination aller bekannten Vermessungsmethoden, wie GPS, Orthofotos, photogrammetrische Auswertung, terrestrische Ergänzungsmessungen und digitaler Messtisch (Digital Plain Table DPT). Letzterer wurde übrigens im Auftrag des KfW-Projektes von GeoAstor in der Schweiz als Kombination von GPS mit Penpad Computern entwickelt. Über die 10'000 km2 des Bezirks (Rayon) Gori, einen knappen Viertel der Fläche der Schweiz, wurden innerhalb von 18 Monaten die Grenzen der rund 150'000 Grundstücke mit den frischgebackenen Eigentümern festgestellt und einwandfrei vermessen und in einem in INTERLIS beschriebenen digitalen Modell gespeichert und registriert. Zudem wurde eine an die Bedürfnisse von Georgien angepasste Bodenbedeckung digital erfasst. Aus diesem Datenmaterial wurden, nach einer öffentlichen Auflage der Resultate und der Erledigung von Einsprachen, die Eigentumszertifikate hergestellt. Wie das Titelblatt eines solchen Eigentumszertifikats aussieht, ist aus Abbildung 4 ersichtlich.

Noch in Arbeit befindet sich der Ausbau der Katasterinformation zu einem Landinformationssystem, das als Beispiel über den Bezirk Gori angelegt wird. Es entsteht also eine rayonale Dateninfrastruktur, wie man heute sagen würde. Die entsprechenden Datenmodelle sind weitgehend definiert und die Datenerfassung ist im Gange. Auch die georgischen Katasterspezialisten befassen sich intensiv mit Kataster 2014. Die Broschüre wurde mit der Hilfe von UNDP sorgfältig in die georgische Sprache übersetzt.

Zurzeit wird die zweite Projektphase, die sich um die Verbreitung des Wissens der georgischen Bürger über Kataster und Grundeigentum, sowie über die Entwicklung des Landmarktes einerseits und um Fragen des Landmanagement im städtischen und ländlichen Raum andererseits kümmern soll. Dabei steht im urbanen Raum die Landnutzungsplanung und im ländlichen Raum die Dorfentwicklung und die Landumlegung im Vordergrund. Auf der Basis der digitalen Rauminformation sollen möglichst effiziente Methoden und Verfahren entwickelt werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass das Land sich erst seit kurzer Zeit im Eigentum der Bürger befindet.

Lehren und Erfahrungen

Die erste Erkenntnis, die ich machen musste, ist, dass Georgien seine eigene Sprache hat. Das Land, das ähnlich wie die Schweiz zwischen zwei Bergketten, deren eine auf über 5300 m ü.M. reicht hat eine sehr lange Geschichte und eine reiche Kultur. Georgien ist auch ein Land in dem Wein gedeiht, was mir als Hobby-Rebbauer sehr sympathisch ist. Allerdings sind die Trinksitten von der sowjetischen Wodka-Kultur beeinflusst und ich musste mich weigern die Weingläser ex auszutrinken. Auch die Küche ist sehr reich und vielfältig. Und die Gastfreundschaft überwältigend.

Erfreulich für mich ist ebenfalls die gute Lernfähigkeit der Georgier. Die Mitarbeiter des Teams haben neue Dinge in kurzer Zeit aufgenommen und auch effizient umgesetzt.

Sehr einleuchtend und für die Schweiz höchst nachahmenswert ist das Ausschreibungssystem der UNO. Insbesondere im Bereich der Erneuerungen der AV wäre ein solches zweistufiges Verfahren ein ideales Verfahren, um die Spreu vom Weizen zu trennen.

Die Standardisierung der Geoinformation erweist sich in Georgien als dringend notwendiges Bedürfnis, um die in den verschiedenen Projekten erzeugten Daten zu harmonisieren und über grössere Flächen zusammenzufassen zu können. Zwei Leute des Teams wurden in der Schweiz in INTERLIS ausgebildet und sie haben die Datenmodelle für das Projekt Gori in Zusammenarbeit mit dem CTA entwickelt. Die Diskussion, wie die Normierung für ganz Georgien erfolgen soll, ist allerdings noch nicht abgeschlossen.

Insgesamt darf dieses anspruchsvolle Projekt als voller Erfolg gewertet werden.

Jürg Kaufmann
Kaufmann Consulting
Im Hauffeld
CH-8455 Rüdlingen
jkcons@swissonline.ch

Vollständige Version siehe Geomatik Schweiz 12/2003
Bestellung: verlag@geomatik.ch


Modernisierung von Grundbuch und Kataster in Budapest

Grundlage für einen erfolgreichen Wechsel von der Plan- zur Marktwirtschaft ist die freie Übertragung von Land- und Grundeigentum. Diese Reform findet seit Anfang der 90er Jahre in Ungarn statt. Der entstandene Land- und Grundeigentumsmarkt vergrössert die Ansprüche an die Grundbuchverwaltung und erhöht den entsprechenden Informationsbedarf. Die klassische Methode der Registrierung ist zu langsam, durch die manuelle Bearbeitung und den grossen Rückstand dem Ansturm nicht mehr gewachsen und gefährdet so die Rechtssicherheit. Die finanzielle Unterstützung der Schweizer Regierung und die gute Zusammenarbeit zwischen ungarischen und schweizerischen Partnern ermöglichen in Budapest eine nachhaltige Verbesserung des Grundbuchkatasters.

Rudolf Schneeberger (2000)

In Ungarn sind die Bodenämter mit der Führung von Kataster und Grundbuch beauftragt. Sie unterstehen der Hauptabteilung Boden und Vermessungswesen im Ministerium für Landwirtschaft und Regionalplanung. In Budapest obliegt die Katasterführung dem Hauptstädtischen Bodenamt (Budapest Land Office BLO).

Um die Situation im BLO zu verbessern, stellte das Landwirtschaftsministerium im Mai 1993 ein Gesuch um finanzielle Unterstützung an die Schweizer Regierung. Mit Schweizer Hilfe sollten technische, organisatorische, finanzielle und institutionelle Probleme in Qualität und Quantität im Kataster gelöst werden. In einem zweiten Gesuch wurde zudem Unterstützung mit technischem, betriebswirtschaftlichem und Management Know-how angefordert. Nach einer Abklärung durch Herrn J.-L. Horisberger im Juni 1994 wurde vom BAWI (heute Staatssekretariat für Wirtschaft seco) ein Projekt bewilligt und 1995 wurde der Autor als Konsulent mit der Durchführung beauftragt.

Problematische Situation im Bodenamt

Die Situation im BLO, wie sie Autor der im Frühjahr 1995 antraf, war äusserst problematisch: Der Kataster wurde traditionell mit analogen Grundbuchplänen und Registern geführt. Die einzelnen Dienstleistungen (Abgabe von Plankopien, Eintragungen von Grundstücksteilungen etc.) dauerten viel zu lange. Es herrschte grosse Unzufriedenheit der Kunden (Grundeigentümer, Notare), was zu politischen Druck auf das Bodenamt und das Ministerium geführt hatte. Durch die gewaltige Zunahme der Geschäfte durch die Privatisierung und die langsamen Papierprozesse kam es zu grossen Rückständen bei der Bearbeitung der einzelnen Grundbuchanmeldungen. Somit stieg die Gefahr der Rechtsunsicherheit.

Die Daten der Katastervermessung waren nicht digital verfügbar: Die Stadtverwaltung, Selbstverwaltungen der Bezirke und Versorgungsunternehmen, welche digitale Grundkarten benötigten, mussten sich diese selber beschaffen.

Integrierte Katasterlösung

Eine Verbesserung der kritischen Situation im Bodenamt wurde durch den Aufbau eines Landinformationssystems (LIS) erreicht. Da in Ungarn Katasterpläne und Grundbuch als einheitliches System in der gleichen Organisation geführt werden, besteht das LIS aus einem Geographischen Informationssystem zur Verwaltung und Nachführung der digitalen Katasterpläne und einem Grundbuch-Informationssystem. Die beiden Systeme sind durch ein übergeordnetes Registriersystem integriert.

Darin wird jede Anmeldung für einen Eintrag oder eine Änderung im Grundbuch als Geschäftsfall registriert. Die Verarbeitung des Geschäftsfalls wird durch das System gesteuert und kontrolliert. Somit wird sichergestellt, dass z. B. eine Grenzmutation im GIS erst dann rechtsgültig gespeichert werden kann, wenn im Grundbuch die betroffenen Parzellen nachgeführt worden sind. Der Fall kann aber auch auf der Seite des Grundbuchs erst dann mit einer Mitteilung an die betroffenen Grundeigentümer abgeschlossen werden, wenn die Mutation im GIS rechtsgültig gespeichert worden ist.

Somit ist die Konsistenz zwischen Katasterplan und Grundbuch stets garantiert. Ein grosser Teil des Nutzens (Verbesserte Rechtssicherheit und gesteigerte Datenqualität) ist nur durch diese integrierte Lösung erreicht worden. Das Grundbuch- und Registriersystem wurde durch die EU finanziert und von einer lokalen Datenbankfirma entwickelt. Für die Verwaltung der Katasterdaten wird INFOCAM von Leica Geosystems eingesetzt. Leica und deren lokaler Software-Partner Toni Pálfi waren für die Integration der Systeme verantwortlich.

Das Projekt wurde vom Mai 1995 bis Dezember 1999 mit grossem Erfolg umgesetzt. Alle Lieferungen und Unterstützungsmassnahmen (siehe Kasten) konnten erfolgreich abgeschlossen und die vorgegebenen Ziele erreicht werden. Das Budget von 2.1 Mio. Fr. konnte im wesentlichen eingehalten werden. Bescheidene Mehrkosten wurden durch Erweiterungen des Leistungsumfangs verursacht.

Stärkung der Institutionen durch Know-how Transfer

Das Katasterwesen in Ungarn hat eine fast 150-jährige Tradition. Die Hauptabteilung Boden und Vermessungswesen und die dazugehörenden Bodenämter sind seit langem etabliert. Auch während den 50 Jahren unter kommunistischer Führung wurde der Kataster unterhalten, weitergeführt und technisch auch weiterentwickelt. Die Organisation war jedoch wenig effizient und in ihrer Leistungsfähigkeit dem explosionsartig gestiegenen Bedarf Anfang der neunziger Jahren nicht gewachsen. Es war deshalb nicht das Ziel des Projekts, die Katasterbehörden aufzubauen oder zu reformieren, sondern deren technische Ausrüstung zu modernisieren und von den Erfahrungen der Schweiz mit der Reform der amtlichen Vermessung zu profitieren. Gerade durch den Know-how Transfer wurden die organisatorischen Fähigkeiten der Verantwortlichen verbessert. Dadurch wurde die Behörde wesentlich leistungsfähiger und institutionell gestärkt.

Bereits im Pflichtenheft des Konsulenten wurde ein Know-how Transfer Programm definiert, welches im Umfang über eine begleitende Massnahme zu den Systemlieferungen hinausging. Eine Analyse der konkreten Bedürfnisse vor Ort hat gezeigt, dass auf dem technischen Gebiet nur sehr wenig Nachholbedarf bestand. Es wurden deshalb Schwerpunkte auf den institutionellen, organisatorischen und finanziellen Aspekten des Katasterwesens gesetzt.

Im Bereich der finanziellen Planung und Führung der Katasterorganisation bestand der grösste Handlungsbedarf. Deshalb wurde der Know-how Transfer auf dem Gebiet der Budgetplanung vertieft. In einem neunmonatigen Projekt erarbeitete eine Arbeitsgruppe aus ungarischen Katasterfachleuten und Schweizer Experten Grundlagen, um die 20 ungarischen Komitatsbodenämter in Zukunft mit Globalbudgets zu führen. Dabei wurden die Erfahrungen der Schweiz im Erstellen von Leistungsaufträgen zwischen Vermessungsdirektion und Kantonen genutzt

Die übrigen Aktivitäten des Know-how Transfer Programms sind hier zusammengefasst:

  • Mehrere Workshops und Seminare wurden zu den Themen Effizienz in der amtlichen Vermessung, Leistungsauftrag und NPM durchgeführt.
  • Übersetzung des Berichts "Überprüfung der Amtlichen Vermessung" auf ungarisch
  • Einwöchige Studienreise von 6 ungarischen Katasterfachleuten in die Schweiz mit Besuchen bei Vermessungs- und Grundbuchämtern auf Stufe Bund, Kanton und Gemeinde
  • Teilnahme des ungarischen Projektleiters an der GIS/SIT '98 und Erfahrungsaustausch beim Vermessungsamt des Kantons Bern (Ausschreibungs- und Vergabeverfahren bei Neuvermessungen und Verträge mit Nachführungsgeometern)
  • Schlussveranstaltung mit 120 Teilnehmern zur Präsentation der Ergebnisse des Know-how Transfers, der Erfahrungen aus der Amtlichen Vermessung in der Schweiz und deren Nutzung im Nationalen Katasterprogramm in Ungarn

Den Erfolg des Know-how Transfers hat der verantwortliche Projektleiter, Dr. L.ászló Niklasz, aufgezeigt. In seinem Vortrag anlässlich des Schlussseminars zum Know-how Transfer am 11. Dezember 1997 präsentierte er die Erfahrungen aus der Schweiz, welche direkt in das Nationale Katasterprogramm eingeflossen sind:

  • Das Datenmodell ist dem für die Schweizer AV93 entwickelten Modell sehr ähnlich. Es basiert ebenso auf 7 thematisch unabhängigen Ebenen.
  • Das Prinzip der Freiheit bei der Wahl der Vermessungsmethode wurde aus der AV93 übernommen.
  • Ähnlich der in der Schweiz 1993 neu eingeführten Verordnungen der Amtlichen Vermessung hat Ungarn 1995 eine Modernisierung der Land Administration mit neuen Vermessungsgesetzen verabschiedet.
  • Das nationale Katasterprogramm in Ungarn soll in 5 Jahren realisiert werden. Hier wurden die Erfahrungen der Schweiz, dass der ursprüngliche Zeitplan der Realisierung der AV93 mit 20 Jahren zu lang ist, bereits von Beginn weg berücksichtigt.
  • Das Modell der Kofinanzierung durch Bund, Kanton und Gemeinde, wurde in Ungarn soweit übernommen, dass diejenigen Gemeinden in erster Priorität neu vermessen werden, welche das Programm mit finanzieren.

Ergebnisse

Alle Beteiligten im Projekt sind stolz auf die erreichten Ergebnisse:

  • Die Rechtssicherheit des Katasters wurde verbessert
  • Die Kundendienstleistungen wurden verbessert: Grundbuchplanauszüge mit aktuellen Daten können innerhalb Minuten produziert werden. Änderungen im Grundbuchplan können schneller und somit effizienter bearbeitet werden. Dadurch konnte bei gleichen Kosten die Leistungsfähigkeit auf den Stand erhöht werden, welcher notwendig ist, um die Nachfrage zu befriedigen.
  • Die Qualität der Grundbuch- und Katasterdaten und die Datensicherheit konnten verbesserte werden
  • Die Information kann berechtigten Kunden (Notaren, lokalen Verwaltungen) auch über Internet geliefert werden.
  • Das Bodenamt ist in der Lage, die Daten zu verkaufen oder weitere "Value added services" anzubieten

Leica konnte dank dem sehr qualifizierten lokalen SW-Partner mit dem BLO einen Wartungsvertrag zu günstigen Konditionen vereinbaren. Die langfristige Funktionsfähigkeit des Systems ist somit sichergestellt.

Das Team im BLO ist sehr gut ausgebildet. Dem Teamleiter wurde mit einer Beförderung auch die notwendigen Kompetenzen übertragen und Perspektive gegeben. Das Risiko, dass er abspringt, wurde dadurch, soweit im finanziellen Rahmen des BLO möglich, minimiert.

Das System ist heute voll in den Betrieb integriert. Im Rahmen des Projekts wurden die Katasterdaten von zwei von 23 Stadtbezirken in das LIS überführt. Das BLO hat weitere Stadtbezirke aufgearbeitet. Heute wird bereits der Kataster von vier Bezirken mit dem LIS produktiv geführt. In den nächsten Wochen können drei weitere Bezirke in die Produktion übergeben werden.

Schlussfolgerungen

Das Projekt kann aus Sicht des Autors als sehr erfolgreich beurteilt werden. Die Ziele sind im Rahmen des vorgegebenen Budgets erreicht worden. Das BLO hat die gelieferten Systeme sehr gut in seine Prozesse und Abläufe integriert und somit seine Leistungsfähigkeit verbessern können.

Bei der Verbesserung des Katasters handelt es sich vor allem um Business-Process-Reengineering Projekte, in welchen die Organisationsberatung, der Erfahrungsaustausch und das Projektmanagement gleichwertig, wenn nicht kritischer sind, als die Lieferung von Systemen und Geräten. Ein multidisziplinäres Konsulenten-Team ist deshalb ebenso ausschlaggebend für den Erfolg des Projekts wie ein zu 100% für das Projekt freigestelltes Team bei der Empfängerorganisation.

Von den Schweizer Partnern wurden folgende Leistungen zum Aufbau des LIS-Budapest erbracht:

  • Lieferung eines LIS und Anpassung der Software an die lokalen Verhältnisse und Abläufe im Bodenamt. Es wurde ein Datenbankserver, 5 Workstations, 2 Drucker und ein A0-Plotter sowie LIS-Software für 8 Arbeitsplätze geliefert.
  • Integration der LIS-Software in ein integriertes Land- und Grundbuch-Informationssystems
  • Ausbildung eines Kernteams von 4 Mitarbeitern
  • Software Wartung und Support für 2 Jahre (nach Ablauf der einjährigen Garantiefrist)
  • Lieferung von Vermessungsgeräten (3 GPS-Empfänger und Totalstationen) zur Fixpunktbestimmung
  • Schulung und praktische Ausbildung der Vermesser beim Einsatz von GPS
  • Technische Unterstützung bei der Anlage, der Vermessung und Berechnung eines Fixpunktnetzes in Budapest als Basisnetz für die Fixpunktverdichtung mit GPS

 

Rudolf Schneeberger
ITV Geomatik AG
Dorfstrasse 53
CH-8105 Regensdorf-Watt
e-mail: schneeberger@itv.ch

 

Vollständige Version siehe VPK 4/2000
Bestellung VPK: verlag@geomatik.ch


Einführung eines Netzinformationssystems bei der Liechtensteinischen Gasversorgung

Im Fürstentum Liechtenstein laufen im Moment auf verschiedenen Stufen - Land, Gemeinde, Werke und Ingenieurbüros - unterschiedlich koordinierte Anstrengungen, um für die Erfassung und Verwaltung raumbezogener Informationen neue Werkzeuge - Geographische Informationssysteme - einzusetzen, respektive einzuführen. Auf diesen anfahrenden Zug möchte auch die Liechtensteinischen Gasversorgung (LGV) aufspringen. Zu diesem Zweck startete sie das Projekt zur Einführung des Werkinformationssystems "WIS-LGV".

Urs Meile (1998)

Die ober- und unterirdischen Anlageteile der Liechtensteinischen Gasversorgung (LGV) stellen wichtige Werte dar. Die (Energie-) Gasversorgungsleitungen sind nicht nur für die LGV selbst, sondern vor allem für viele der angeschlossenen Industrie- und Dienstleistungsbetriebe eigentliche Lebensadern und somit von existentieller Wichtigkeit. Bis anhin erfolgte die Dokumentation des Leitungsnetzes zum grössten Teil manuell in Form von Ausführungsplänen durch die mit der Planung und dem Bau der Leitungen beauftragten Ingenieurbüros. Mit dem Projekt zur Einführung des Werkinformationssystems "WIS-LGV" wird sich dies ändern.

Aufgabendefinition und Problemanalyse

In der Vorbereitungsphase informierten sich die Projektpartner über die verschiedenen parallel laufenden Projekte bezüglich deren Planung und deren aktuellem Stand: z.B. landesweite Aufarbeitung und Bereitstellung der amtlichen Vermessungsdaten, Einführung von Informa-tionssystemen beim Land sowie bei verschiedenen Gemeinden, Werken und Ingenieurbüros.

Die Auswertung der Informationen über die laufenden Anstrengungen des Landes, der Gemeinden und Werke für die koordinierte Einführung von Land- und Werkinformationssystemen sowie das gemeinsame Erarbeiten der LGV-spezifischen Randbedingungen und Anforderungen (Ist- und Sollanalyse) im Rahmen eines Workshops erbrachten folgende Zielsetzungen:

  • LGV beabsichtigt die Erfassung, Verwaltung und Nachführung der relevanten raumbezogenen Informationen bezüglich ihres Gasversorgungsnetzes und der dazugehörigen Einrichtungen EDV-gestützt durchzuführen und ein Werkinformationssystem "WIS-LGV" basierend auf den amtlichen Vermessungsdaten aufzubauen.
  • Teile dieser Werkinformationen sind von allgemeinem Interesse. Diese Informationen sollen einem zukünftigen landesweiten Werkinformationssystem in geeigneter Form zur Verfügung gestellt werden. Im Gegenzug möchte die LGV auf Daten anderer Netzbetreiber entsprechend zugreifen können.
  • Die heute bestehende und bewährte Arbeitsteilung während der Planungs- und Bauphase von Einrichtungen der Gasversorgung zwischen der LGV und diversen Ingenieurbüros soll durch die Einführung des WIS-LGV nicht zwingend grundlegend angepasst werden müssen. Das WIS-LGV soll diese Arbeitsaufteilung effizient unterstützen.
  • In einem Pilotbetrieb sollen offene Fragen im praktischen Betrieb durch die beteiligten Ingenieurbüros geklärt werden.

Realisierungskonzept

Die Liechtensteinische Gasversorgung LGV plant die Datenersterfassung von externen Dienstleistungsunternehmen durchführen zu lassen. Die notwendigen Betriebseinrichtungen für die langfristige Datenverwaltung sollen dabei zentral durch eine noch zu gründende WIS-Betreibergesellschaft (WIS-FL) bereitgestellt werden.

Im Rahmen des Realisierungskonzeptes wurde durch das Projektteam dargelegt, welche Anforderungen systemtechnischer und organisatorischer Art durch das Werkinformationssystem abzudecken sind und welche Fragestellungen während des Pilotbetriebes zu klären sind. Im Moment erarbeitet das Projektteam das LGV-spezifische Datenmodell für die Sparte "Gas". Die gesamten Überlegungen wurden und werden vor allem unter dem Gesichtspunkt gemacht, ein Gleichgewicht zwischen Bedürfnis, Kosten und Nutzen herzustellen. (Beispiel: Führen des Attributes "Hersteller" in der Tabelle "Leitungspunkte" für die Formteile: Was für einen Nutzen bringt diese Information heute und in Zukunft? Welchen Aufwand muss für deren Datenerhebung und -pflege aufgebracht werden?)

Systemauswahl und Systemeinführung

Welches System deckt die organisatorischen und systemtechnischen Anforderungen am besten ab? Welches System wird auch morgen noch gepflegt und weiterentwickelt und damit den sich ändernden Randbedingungen und den zunehmenden Anforderungen ständig angepasst?

Auf ein umfangreiches Systemauswahlverfahren wurde seitens der LGV vorderhand verzichtet. Statt dessen wird in Zusammenarbeit mit den zukünftigen Systemanwendern ein Pilotbetrieb durchgeführt. Die bei den Ingenieurbüros bereits vorhandenen Systeme bestimmten dafür die Systemlieferanten für die Datenerfassungs-, respektive die Datenverwaltungssysteme.

Pilotbetrieb und Detailkonzepte

Im Rahmen eines Pilotbetriebes soll neben der prinzipiellen Eignung der Systeme nachgewiesen werden, dass die Systeme die organisatorischen Anforderungen (Arbeitsteilung, Betreibergemeinschaft usw.) und die systemtechnischen Anforderungen (Erfassungsstation, Auskunftsstation, verteilte Datenhaltung, Schnittstellen usw.) erfüllen können. Im Rahmen der Datenerfassung in einem repräsentativen Gebiet werden einerseits die zu erwartenden Datenerfassungskosten ermittelt und andererseits die Vollständigkeit, respektive Überladung, des LGV-Datenmodells untersucht.

Daneben werden Strategien und Konzepte für das zukünftige Zusammenwirken der beteiligten Unternehmen erarbeitet. Im Zentrum werden dabei Fragen im Zusammenhang mit dem (gegenseitigen) Datenaustausch zwischen den unterschiedlichsten Systemen stehen.

Das Augenmerk wird deshalb in erster Linie auf eine saubere Datenmodellierung und auf ein System gelegt, das den korrekten Austausch mit anderen Systemen unterstützt und das eine kostengünstige Migration auf ein Nachfolgesystem gewährleistet. Denn ausschliesslich die Daten repräsentieren den Wert des Netzinformationssystems!

Systementscheidung

Lässt sich die heutige Arbeitsteilung zwischen der LGV und den beteiligten Ingenieurbüros, die weiterhin für die Planung und den Bau der Gasversorgungseinrichtungen zuständig sein sollen, vernünftig organisieren, dürfte die Systementscheidung für die LGV eine Formsache sein. Denn das System spielt im Vergleich zu den zu lösenden konzeptionellen Aufgabenstellungen eine zweitrangige Rolle. Die LGV wird sich weniger für ein System entscheiden, sondern für oder gegen die Beteiligung an der zukünftigen WIS-Betriebsgesellschaft.

Das betriebliche und organisatorische Umfeld bei der LGV sowie die entsprechenden systemtechnischen Anforderungen an das zukünftige Werkinformationssystem sind äussert komplex. Um die Risiken bei der anstehenden Einführung im Vorfeld erkennen und abschätzen zu können, wurde ein Pilotbetrieb angesetzt. Pilotbetrieb darf jedoch nicht mit "Pröbeln" am System verwechselt werden. Der beträchtliche Aufwand für die Vorbereitung der definitiven (System-) Entscheidung mittels eines Pilotbetriebes bringt nur dann einen entsprechenden Nutzen, wenn dieser Betrieb vernünftig geplant, vorbereitet und durchgeführt wird.

Soll der Eignungsnachweis für System, Organisation, Konzept und Strategie erreicht werden, braucht es deshalb auch die konzentrierte Zusammenarbeit zwischen dem Systemlieferanten und den zukünftigen Systemanwendern sowie fallweise die Unterstützung und fachliche Begleitung durch aussenstehende Spezialisten.

 

Urs Meile
Dipl. El. Ing. HTL/STV
PL GIS / Werkdokumentation
Helbling Ingenieurunternehmung AG
Hohlstrasse 610
CH-8048 Zürich
e-mail: urs_meile@compuserve.com

 

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Integriertes GIS-Konzept für Chongqing (China)
Umweltmanagement mit Schweizer Know-how

Ein geographisches Informationssystem (GIS), das mehrere Versorgungs- und Entsorgungssysteme umfasst, soll der chinesischen Industriestadt Chongqing helfen, ihre Umweltprobleme in den Griff zu bekommen. Das Konzept dazu liefert ein Schweizer Firmenkonsortium. Für die GIS-Experten ergab sich die seltene Gelegenheit, ein umfassendes, von Vorbedingungen weitgehend unbelastetes System für das Umweltmanagement von Grund auf zu entwerfen.

H. O. Haitzmann (1998)

Die Stadt Chongqing mit ca. 3,5 Mio. Einwohnern liegt am Yangtze, dem längsten Fluss Chinas, am oberen Ende des Stausees, den der zur Zeit entstehende Drei-Schluchten-Damm aufstauen wird. Von der verringerten Fliessgeschwindigkeit des Flusses erwartet man einen negativen Einfluss auf die Umwelt in der Region, deren Immissionswerte bereits zu den höchsten des Landes zählen. Das für die Stadt geplante GIS soll zur Verbesserung dieser Situation beitragen.

Das GIS-Projekt ist integrierter Teil eines umfassenden Infrastrukturprojekts für die chinesische Industriestadt. Finanziert wurde die Untersuchung vom Bund in Form eines gesponserten Projekts der Weltbank. Das bis Mitte 1998 laufende Projekt der Firmengruppe, zu der neben der federführenden ITV Geomatik AG die Swissphoto Vermessung AG und die Elektrowatt AG gehören, hat den Charakter einer Vorstudie.

GIS-Konzept

Das von der Vorstudie umrissene GIS-Vorhaben hat folgende Ziele:

  • die Stadtregierung bei Entwurf und Implementierung einer stadtweiten GIS-Strategie zu unterstützen,
  • den verschiedenen Ämtern und Werken in effizienter Weise die gemeinsame Nutzung von Daten zu ermöglichen; hierbei sollen GIS-Verfahren den Aufwand zur Datenerfassung minimieren und zu optimaler Datenqualität verhelfen,
  • das Gesamtdesign und die erste Umsetzungsstufe eines Entscheidungsunterstützungssystems für die städtische Infrastruktur zu realisieren,
  • das Design von betrieblichen Infrastruktursystemen für die Wasserversorgung sowie die Abwasser- und Kehrichtentsorgung festzulegen und jeweils in einer ersten Stufe umzusetzen,
  • ein verbessertes System zur Gewinnung und Nachführung von Basisdaten für das städtische GIS einzuführen und
  • GIS-Bewusstsein und GIS-Fachkenntnisse bei den Funktionsträgern der Stadtregierung zu erweitern und ein GIS-Kompetenzzentrum aufzubauen.

Fünf Komponenten

Hilfe für Stadtverwaltung und Abwasserwerke

Konkret besteht das vorgeschlagene GIS aus fünf verschiedenen Komponenten. Das erste dieser Teilvorhaben, ein Abwasser-Informationssystem, ist dazu bestimmt, die Stadtverwaltung und die Abwasserwerke dabei zu unterstützen, im täglichen Betrieb ihre Amtspflichten zu erfüllen und Kundenbedürfnisse zu befriedigen. In der ersten Umsetzungsstufe soll es auf die Verwaltung der Abwasseranlagen sowie der Wartungs- und Reparaturarbeiten abzielen. Dabei wird daran gedacht, optimale Arbeitsabläufe, Produkte und Dienstleistungen zu definieren. Als Grundlage dafür dienen eine genaue Bedarfsanalyse sowie die Möglichkeiten moderner GIS- und Informationsmanagement-Technologie.

Anwerbung und Ausbildung von Arbeitskräften

Dabei wird vorgeschlagen, als ersten Schritt in einem Pilotprojekt durch die Entwicklung entsprechend angepasster GIS-Applikationen optimale Verfahren zur Erfassung und Umwandlung von Daten und zur Qualitätssicherung umzusetzen. Ein umfangreiches Programm zur Anwerbung und Ausbildung von Arbeitskräften soll die Verwirklichung dieses Teilprojekts begleiten. Mögliche spätere Erweiterungen des Vorhabens sind Verbindungen zu Kundendaten sowie Netzmodellierung und Netzplanung.

Wasserversorgung und Müllentsorgung

In ähnlicher Weise soll ein betriebliches Informationssystem für die Wasserversorgung verwirklicht werden, das die Behörde für kommunale Werke und die Wasserversorgungsunternehmen in der Verwaltung ihrer Anlagen sowie deren Wartung unterstützt. Das Informationssystem für die Müllentsorgung als dritte Komponente ist dazu angelegt, die zuständige Behörde sowie die Entsorgungsunternehmen neben der Anlagenverwaltung auch bei der Tourenplanung für die Kehrichtabfuhr und bei der Optimierung des Strassenreinigungsdienstes zu unterstützen.

Die betrieblichen Informationssysteme für Wasserversorgung sowie Abwasser- und Abfallentsorgung sollen – so das GIS-Konzept – in der ersten Realisationsphase nur für das eigentliche Stadtgebiet von Chongqing verwirklicht werden. Für benachbarte Kommunen im städtischen Bereich können sie aber als Modell dienen, zur Verwirklichung zu einem späteren Zeitpunkt und in kleinerem Rahmen. Auf diese Weise könnte man von gewonnenen Erfahrungen profitieren und auch mögliche Verbesserungen berücksichtigen.

Zentrum für GIS-Technologie

Als eigene Komponente des GIS-Vorhabens für Chongqing schlägt die Schweizer Expertengruppe vor, eine übergeordnete Strategie für die Ausgestaltung und Umsetzung der GIS-Technologie zu formulieren und umzusetzen. Bestandteil davon ist nicht zuletzt die Entwicklung eines Funktionsmodells für ein GIS-Technologiezentrum. Seine Aufgabe soll darin bestehen, Methoden für das Datenmanagement im Hinblick auf den Datenaustausch, für die Implementierung von GIS-Anlagen und für weitere Aktivitäten zu entwickeln. Dazu gehört auch die Formulierung einer Strategie für die Gewinnung von geographischen Basisdaten sowie für den Abgleich von Vermessungsdaten der Stadt mit Daten des Instituts für Kartographie, des örtlichen Bauamts sowie der Wasserversorgungs- und Abfallentsorgungsunternehmen. Ansiedeln will man das GIS-Zentrum bei der Regierungskommission für die Umsetzung von Bauvorhaben. Als Koordinationsstelle soll es auch für die generelle GIS-Politik der Stadt sowie für technische Richtlinien und Standards zuständig sein.

Entscheidungsunterstützung

Die fünfte und letzte Komponente des vorgeschlagenen GIS-Konzepts hat zum Ziel, ein System zur Entscheidungsunterstützung aufzubauen. In seiner ersten Umsetzungsstufe soll es allgemein die Regierungskommission für Bauvorhaben sowie insbesondere die Stadtverwaltung und das Amt für die  kommunalen Werke bei ihren strategischen Planungsaufgaben unterstützen.

Data Mining deckt den Informationsbedarf

Um den Bedarf eines solchen Systems an Informationen aus unterschiedlichen Quellen, aber in einem einheitlichen Format zu befriedigen, sollen typische Funktionen des Data Mining eingesetzt werden. Sie dienen dazu, die gewünschten Daten zusammenzuführen, zu filtern und in ein normiertes Format zu überführen.

Zur Aufnahme der zusammengefassten Management-Informationen – statistische, grafische und numerische Daten – denkt man dabei an einen Datenpool, der seinen Platz sehr wahrscheinlich im GIS-Zentrum finden würde. Das System zur Entscheidungsunterstützung sollte ausserdem eine Palette spezieller Softwarepakete bieten. Sie wären ebenfalls im GIS-Zentrum zu spezifizieren und zu entwickeln. Auch zur Einbettung des GIS in die Verwaltungsstrukturen von Chongqing enthält die Vorstudie der Schweizer Arbeitsgruppe Aussagen. Danach soll eine GIS-Management-Gruppe auf hoher Ebene die übergeordnete GIS-Strategie der Stadt bestimmen. Auf der Ebene des Infrastruktur-Projekts der Stadt Chongqing ist eine GIS-Arbeitsgruppe vorgesehen; jedes der fünf Teilprojekte soll seinerseits von einer Arbeitsgruppe geleitet werden.

Zur Umsetzung des GIS-Projekts ist der Zeitraum von Anfang 1999 bis Ende 2003 ins Auge gefasst. Am Ende dieser Periode soll das integrierte GIS in seiner ersten Ausbauphase in allen Komponenten voll funktionsfähig sein.

 

H. Haitzmann
ITV Geomatik AG
Dorfstrasse 53
CH-8105 Regensdorf-Watt
e-mail: info@itv.ch

 

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Ein integriertes System zur Verwaltung des Grundeigentums in Neuschottland (Kanada)

Die Provinz Neuschottland liegt an der kanadischen Ostküste. Sie ist mit 55'000 km2 grösser als die Schweiz und zählt rund eine Million Einwohner. In ihrer 130 jährigen Geschichte registrierte und verwaltete die Provinz ihre über 500'000 Parzellen auf verschiedene Arten. Bis Ende der 70er Jahre wurden alle Informationen über das Landeigentum analog auf Plänen und im Grundbuch geführt. 1980 wurden für die Verwaltung der Grundbuchdaten drei getrennte Verantwortungsbereiche festgelegt : Die steuerliche Veranlagung, die Kartierung der Parzellen und die Registrierung des Landbesitzes. Mit dem Ziel die manuelle Arbeit zu reduzieren und schnellere Abfragen zu ermöglichen, wurden in den drei neuen Bereichen Aufgaben automatisiert und erste Datenbanken eingeführt. Trotz Erfolgen mit den neuen Technologien, prägten in den zuständigen Ämtern von Neuschottland bis in die frühen 90er Jahren Arbeitsabläufe den Alltag, die seit Beginn dieses Jahrhunderts nicht mehr angepasst wurden.

Katie Bowden (1998)

Um Geld zu sparen und Arbeitsabläufe zu vereinfachen, begann die Provinz Neuschottland im Frühjahr 1992 ihre mit der Verwaltung des Grundeigentums betrauten Ämter zusammenzuführen. Zu jener Zeit waren in den 18 Counties von Neuschottland 15 Veranlagungsbüros für die steuerliche Erfassung des Grundeigentums verantwortlich, 21 Grundbuchämter registrierten den Landbesitz und 4 LIS-Amtsstellen kartierten die Parzellen.

Nancy Vanstone, die Direktorin der "Land Information Services" von Neuschottland erklärt, dass sich durch das Zusammenführen der betroffenen Ämter eine Kosteneinsparung ergeben werde, weil die Verwaltung des Grundeigentumses, dessen Kartierung und seine steuerliche Veranlagung auf einer gemeinsamen Informationsbasis beruhe, welche nicht mehr dupliziert bzw. redundant gehalten werden müsse.

Die Zusammenführung der Ämter soll 1998 abgeschlossen sein. In der ganzen Provinz werden dann 5 "Land Information Centers" (LIC) die kombinierten Leistungen der früheren Grundbuch- und LIS-Amtsstellen anbieten. Diese LICs werden ihrerseits eng mit den Steuerämtern verbunden und zum Teil auch in den gleichen Gebäuden untergebracht.

Die beinahe abgeschlossene Zusammenführung der Amtsstellen zeigte bestehende Ineffizienzen mit grosser Deutlichkeit auf. Redundante Datenhaltung, nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der einzelnen Ämter, war an der Tagesordnung. Die Provinzregierung realisierte daher, dass die Arbeitsabläufe für die Verwaltung des Grundeigentums neu definiert werden mussten.

"Wir müssen uns von Einzellösungen weg, hin zu einem Umfeld bewegen, welches Daten über Grund und Boden für alle zugänglich macht", forderte Vanstone. Die auf Grundbuchanwendungen spezialisierte Firma novaLIS Techologies aus Halifax unterbreitete der Provinzregierung einen Lösungsvorschlag, welchen diese 1993 als Grundlage für ihr "Land Records Management Infrastructure (LRMI)" Projekt wählte.

Die Regierung von Neuschottland ging mit der Firma novaLIS Technologies eine Partnerschaft ein. Das erklärte Ziel war die Entwicklung einer LRMI, welche alle Informationen zu Grund und Boden in einem System verwaltet und die vollständige Information allen Interessierten auf einfache Art und Weise zugänglich macht. Das Schlagwort ist: "One stop land records service".

Zu Beginn des Projektes überprüfte novaLIS alle bestehenden Arbeitsabläufe. In Zusammenarbeit mit der Provinzregierung und den betroffenen regionalen Amtsstellen wurden effizientere Alternativen erarbeitet. Erst nachdem alle Arbeitsabläufe überarbeitet waren, wurde mit der Softwareentwicklung in zwei Phasen begonnen. In der ersten Phase wurden Prototypen entwickelt und zusammen mit dem Kunden getestet, um einen frühen Feedback der betroffenen Amtsstellen zu erhalten. In der zweiten Phase wurde die Software für die LRMI-Pilotstandorte Halifax und Annapolis implementiert. Die Implementation für die beiden Pilotstandorte wird 1998 abgeschlossen, wonach die LRMI im Rest der Provinz Neuschottland eingeführt werden kann.

Die LRMI-Lösung von novaLIS Technologies besteht aus mehreren Softwaremodulen, die zusammen ein integriertes System zur Verwaltung des Grundeigentums ergeben. Folgende Module sind Bestandteil des Gesamtsystems: Das "Cadastral office" für alle LIS-Aufgaben, das "Land Titles Office" für die Registrierung des Grundeigentums und das "Assessment Office" für die steuerlichen Belange. Die LRMI-Lösung baut auf den Geographischen Informationssystemen der Firma ESRI auf. Eingesetzt werden ARC/INFO und ArcView.

Das "Land Records Management Infrastructure" Projekt

Aufgaben im LIS-Bereich

Die LIS-Amtsstellen erfassten bereits Mitte der 80er Jahre das Parzellennetz von Neuschottland in digitaler Form. Dazu wurden drei Systeme verwendet, eins für die Koordinateneingabe und Konstruktionen (COGO), ein Geographisches Informationssystem (GIS) für die Attributierung und Auswertungen sowie ein separates System zur Indexierung der Parzellen.

"Wir hatten zu viele Applikationen, die alle die gleiche Daten verwendeten", erklärt Robert DeVet, der LIS-Verantwortliche der Provinz. Die Verwendung von mehreren Systemen bedeutete, dass alle Änderungen in einer Applikation in die anderen übertragen werden mussten. Die notwendigen Datentransfers generierten Fehler, welche in aufwendigen Prozeduren manuell behoben werden mussten.

Das novaLIS-Modul "Castral Office" in der LRMI vereinfacht die Abläufe in den LIS-Amtsstellen, indem es in einer Applikation die Koordinateneingabe, die Konstruktionsfunktionen (COGO), die Attributierung sowie weitere Funktionen eines GIS in einem Kataster Editor vereint (vgl. Abbildung 1). Datentransfers zwischen Applikationen sind dadurch nicht mehr notwendig. Das "Cadastral Office" erlaubt die blattschnittfreie Verwaltung der Geometrie- und Sachdaten des gesamten Parzellennetzes im Mehrbenutzerbetrieb. Für Mutationen wird der Zugriff auf die betroffenen Parzellen in der Datenbank für weitere Benutzer automatisch gesperrt.

Die wichtigsten Vorteile des "Cadastral Office" sind:

  • Effizientes Erfassen, Konstruieren und Editieren mit dem "Cadastral Editor"
  • Automatischer Koordinatenausgleich nach vordefinierten Regeln.
  • Mehrbenutzerbetrieb mit Sperrmöglichkeiten von eng begrenzten Mutationsbereichen.
  • Historische Zustände des Parzellennetzes können gespeichert und wieder hergestellt werden.
  • Die Verwendung einer gemeinsamen Datenbank zusammen mit den beiden anderen Komponenten des LRMI erlaubt es, alle Informationen zum Grundeigentum in einer logischen Sicht, dem sogenannten "Master Cadastre" zusammenzufassen.

Registrierung des Grundeigentums

Das Grundbuch von Neuschottland beruht auf dem englische Recht für die Verwaltung von Grundeigentum. Die Grundbuchämter sind zuständig für die Landtitel, Pfandbriefe, Dienstbarkeiten und Wegrechte, welche auf handgeschriebenen, bis zu 250 Jahre alten Dokumenten registriert sind (Abbildung 2). Um den Zugriff auf die rasch zunehmende Dokumentmenge zu gewährleisten, wurden verschiedene Indizes digital geführt. Über die Jahre sammelten sich soviele Dokumente an, dass das Grundbuchamt von Halifax umziehen musste, weil das alte Gebäude dem reinen Gewicht der Papiere nicht mehr standhielt. Es war Zeit für ein neues System.

Mit dem novaLIS "Land Titles Office" wurden in einem ersten Schritt die bestehenden Indizes zentral zusammengeführt, und es wurde die Grundlage für die digitale Übernahme aller historischer Dokumente gelegt. Das "Land Titles Office" verbindet die gescannten Dokumente mit den Parzellen im "Cadastral Office" Teil des Systems und verwaltet die Arbeitsabläufe im Rahmen einer relationalen Datenbank.

Die wesentlichen Vorteile des "Land Titles Office" sind:

  • Es handelt sich um eine integrierte Lösung. Die Daten werden nur einmal erfasst und können im gesamten System mehrfach genutzt werden.
  • Die gesamten historischen Dokumente stehen gescannt zur Verfügung.
  • Das Grundbuch ist mit dem digitalen Parzellennetz des "Cadastral Office" ständig verbunden. Zu jeder Abfrage im Grundbuch steht sofort die gesamte geometrische Definition der gewählten Objekte zur Verfügung. Pläne können automatisch ausgegeben werden.
  • Automatisierte Arbeitsabläufe, z.B. für den Verkauf eines Grundstückes, halfen die Verarbeitungszeiten eines Auftrags drastisch zu senken.

Steuerliche Belange

In Neuschottland werden eine halbe Million Parzellen mit einem geschätzten Wert von über 40 Milliarden Dollar versteuert. Die Steuerbehörden verwendeten für die Ermittlung des Steuerwertes und für Analysen verschiedene Datenbankapplikationen, Tabellenkalkulations- und Textverarbeitungsprogramme. 1987 wurde zusätzlich ein neues System für die Taxierung der Eigentumswerte eingeführt.

Mit dem novaLIS "Assessment Office" konnte das neue System für die Taxierung mit dem Grundbuch und dem digitalen Parzellennetz verbunden werden. Die Geschäftsprozesse in der Steuerbehörde wurden automatisiert und die alten Einzelplatz-Applikationen abgelöst. Dadurch erhöhte sich die Produktivität und Abläufe wurden transparenter. John McKay, der Direktor der Steuerbehörde erklärt: "Durch die Benutzung der LRMI von novaLIS entstehen Synergien, die es uns erlauben, unsere Geschäfte schneller abzuwickeln und der Bevölkerung bessere Leistungen anzubieten".

Die Vorteile des "Assessment Office" sind:

  • Direkte Verbindung mit dem GIS des "Cadastral Office". Resultate von Analysen und Berechnungen können direkt auf Karten dargestellt werden (Abbildung 3).
  • Automatisierte Arbeitsabläufe und eine zentralisierte Datenbank gewährleisten schnelle Antwortzeiten bei Anfragen aus der ganzen Provinz.
  • Käufe und Verkäufe von Parzellen können mittels speziellen Werkzeugen analysiert und einfach miteinander verglichen werden. Benötigte Statistiken können auf Knopfdruck erstellt werden.

Schlussfolgerungen

Im ersten Quartal 1998 wird die Implementation der "Land Records Management Infrastructure" für die Pilotstandorte abgeschlossen sein, worauf die definitive Einführung des neuen Systems von novaLIS für den Rest der Provinz beginnen wird.

Neuschottland hat damit zum ersten Mal in seiner Geschichte ein vollständig integriertes System für die Verwaltung aller Aspekte des Grundeigentums. In diesem System nimmt das Geographische Informationssystem eine zentrale Rolle ein, indem es Informationen aus dem Grundbuch, aus der Steuerbehörde und der Vermessung miteinander verknüpft (Abbildung 4).

Ergänzt durch automatisierte Arbeitsabläufe und eine datenbankgestützte Verwaltung gescannter historischer Dokumente ermöglicht das System den freien Austausch von Informationen zwischen allen beteiligten Amtsstellen. Anfragen, die in der Vergangenheit mehrere Tage Arbeit in verschiedenen Ämtern verursachten, können neu in wenigen Minuten von einer Stelle beantwortet werden.

Die mit der novaLIS-Lösung erreichte Verschmelzung aller Aspekte des Grundeigentums und die damit verbundenen Synergien stossen auch ausserhalb von Neuschottland auf ein reges Interesse. Auf dem amerikanischen Markt arbeitet novaLIS eng mit der Firma ESRI zusammen und für den europäischen Markt wurden Kontakte mit Leica aufgenommen. Ziel der Zusammenarbeit ist es, die integrierte GIS/LIS-Lösung von Neuschottland in naher Zukunft auch international anbieten zu können.

 

Katie Bowden
1546 Barrington St. Apt. 604
Halifax, Nova Scotia
Canada B3J 3X7
e-mail: info@novalistech.com

 

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Geo-Informationssystem der Stadtverwaltung Zgierz (Polen)

 Zgierz gehört zu den polnischen Städten, die seit Beginn der kommunalen Selbstverwaltung 1990 konsequent ein Geo-Informationssystem als modernes Managementinstrument aufgebaut haben.

J. Schnerch (1998)

 Nachdem in Polen im Jahr 1990 Gemeinden errichtet wurden und die Gemeindeverwaltungen die Bewirtschaftung und Verwaltung ihres Gemeindegebietes übernommen hatten, erwies sich der Mangel bzw. die Inaktualität der vorhandenen Daten bezüglich Liegenschaften und Vermögensstruktur als eines der grössten Probleme. Das bisherige Verknüpfungssystem zwischen den Informationen aus den verschiedenen Gemeindetätigkeitsbereichen wie Verwaltung des Kommunalvermögens, Erstellen und Realisierung des Raumbewirtschaftungsplans, Realisierung der kommunalen Infrastruktur, Strassenverwaltung, Umweltschutz, Landwirtschaftsbesteuerung, Liegenschaftsbesteuerung, Demographie, Beschäftigung, Soziales, Schulwesen usw. war sehr kompliziert. Nun stellten sich neue Anforderungen an die Raumverhältnisse und die Sachdatenauswertung, die sich unmittelbar aus der geometrischen Struktur der Objekte ergeben. Glaubwürdige, laufend aktualisierte Rauminformationen zu haben, ist deshalb eine der wichtigsten Handlungen der Gemeinden.

 

GIS-Grundlagedaten

Ein erster Ansatz zu einem Geo-Informationssystem war in der Stadt Zgierz das Informatikprogramm zur Grundstückerfassung EWGRUN. Es entstand 1988 und war eines der ersten in Polen. Es beruhte auf der Systematik und den Grundlagen des seit Ende der 60er Jahre in Polen funktionierenden Programms zur Grundstückerfassung. Weil gemäss der damals gültigen Vorschriften über die Grundstück- und Gebäudeerfassung nur spezielle Verwaltungseinheiten mit diesen Programmen arbeiten durften, wurden die Programme von den Vermessungsbüros getrennt betrieben. Die allmählich durchgeführte Reorganisation hat dazu geführt, dass die Aufgaben der Grundstückerfassung heute durch die Gemeinde- und Stadtgeodäten und durch andere spezialisierte Verwaltungseinheiten schon auf dem Stadt- und Gemeindegebiet erfolgt.

In Zgierz wird die Grundstückerfassung von der Stadt als Landverwaltungsorgan seit 1982 und seit 1990 als Selbstverwaltung zusammen mit dem Steuerrückforderungssystem geführt. Die Abhängigkeiten zwischen Steuerinformation und Grundstückerfassung wurden bei der neuen Applikation GRUNINFO berücksichtigt. Die grundlegende Voraussetzung der Applikation war die vollständige und ständige Aktualisierung der Datenbank. Das Programm besitzt Sicherungs- und Autorisierungsmechanismen. Die Autorisierung der Datenverfügbarkeit erfolgt durch den individuellen Verfügbarkeitskode und durch die Unterscheidung von aktiven und passiven Benutzern. Im integrierten System der Grundstückerfassung sind aktive Benützer Mitarbeiter der Vermessungs- und Liegenschaftverwaltungsabteilung, die zu gewissen Modifizierungen berechtigt sind. Mitarbeiter anderer Verwaltungsabteilungen der Stadt Zgierz können die Daten passiv abrufen. Auf ähnlichen Grundlagen beruhen die Finanzsysteme der Verkehrsabteilung und der Buchhaltung.

In der Vermessungs-, Liegenschaftverwaltungs- und Landwirtschaftsabteilung befindet sich eine Stelle, die für die Auswertung und Aktualisierung der geometrischen Daten verantwortlich ist. Die digitale Stadtkarte, die heute vollständig aktuell ist, ist das Resultat der Grundstückerfassung. Die Digitalkarte dient als Grundlage für Bescheinigungen (Auszüge, Aufzeichnungen), als auch zur Rekonstruktion des Kartenzustandes auf den bestimmten Tag. Zur Zeit wird an der Gebäudeerfassung gearbeitet. In der alltäglichen Arbeit der Verwaltung kommt den Vermessungskarten, Flugfotos und Satellitenbildern grosse Bedeutung zu.

Die Grundstück- und Gebäudeerfassung sowie die Liegenschaftswerte, die auf Grundsätzen des Raumbewirtschaftungsplanes der Stadt beruhen, sind die wichtigsten Elemente des neuen Katasters. Dazu kommt noch die Führung der Grundbücher, was Aufgabe der Gerichte ist. Gemeinsam mit dem Gerichtsministerium wurde der Informationsaustausch zwischen den Beständen der Grundstückerfassung und der Grundbücher begonnen, bei Erhalt der jeweiligen Kompetenzen.

 

Einsatz der Rauminformationen in der Stadtverwaltung

Parallel zum Aufbau des Geo-Informationssystems wurde die Integration des Systems in alle Verwaltungsabteilungen vorangetrieben. Das wichtigste für die Stadtexekutive war die möglichst schnelle Realisierung des ganzen Systems zur Steigerung der Leistungsfähigkeit der Verwaltung. Alle Verwaltungsmitarbeiter mussten einen zweistufigen Computerkurs absolvieren. Jeder neu angestellte Mitarbeiter muss ein elementares Computerwissen besitzen. In der Verwaltung wurde ein logisches Netzwerk mit zwei unabhängigen, jedoch integrierten Servern, der eine für 25 Benützer, der andere für 50 Benützer, installiert.

Alle Abteilungen arbeiten im integrierten Netzwerksystem der Stadtverwaltung. Zur Zeit sind dies:

  • Steuerverwaltung: Landwirtschaftssteuer, Liegenschaftssteuer, Strassenbenutzungssteuer
  • Bevölkerungsverzeichnisse, angeschlossen an die Landesdatenbank
  • Fahrzeug- und Fahrerregistersystem
  • Rauminformationssystem

Das Rauminformationssystem umfasst:

  • Grundstückerfassung und Gebäudeerfassung
  • Kommunalvermögen
  • Raumbewirtschaftungsplan
  • Verkehr
  • Umweltschutz
  • Infrastruktur: Kanalisation, Wasserleitungen, Wärmeleitungen, Stadttransport, Verkehrsnetz, Sozialobjekte, Schutzobjekte und Schutzzonen, Umweltschutzzonen.

Eine Zusammenarbeit besteht mit den Verwaltern des technischen Infrastrukturnetzes, das nicht der Stadt gehört (Elektrizitätswerk, Gaswerk). Sie bekunden ebenfalls Interesse an der Digitalkarte.

Seit Dezember 1996 funktionieren Modemschnittstellen der Verwaltung der Stadt Zgierz

  • mit der Grundbuchabteilung beim Kreisgericht (einseitiger Transfer vom Grundstückerfassungsamt)
  • mit dem Kreisamt (Transfer für den Bedarf des Grundstückerfassungsamt)
  • mit der Kreispolizeikommandantur (Fahrzeug- und Fahrerregister).

 

Schlussbemerkung

Das Geo-Informationssystem Zgierz hat eine zentrale Funktion im wirkungsvollen Verwaltungssystem der Stadt Zgierz. Zahlreiche rechtlich-institutionelle Verwaltungsentscheide basieren auf Entscheidungsgrundlagen aus dem GIS. Sein finanzieller Aufwand wird durch Einsparungen und durch Einnahmen der erbrachten Dienstleistungen getragen.

 

mgr inz. Jan Schnerch
Vorsteher der Vermessungs-, Liegenschaftverwaltungs- und Landwirtschaftsabteilung
Bevollmächtigter des Bürgermeisters für das Geo-Informationssystem
Stadtverwaltung Zgierz
Stary Rynek 1
PL- 95-100 Zgierz

 

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Das Kataster-Pilotprojekt Soligorsk (Weissrussland) 

Am 5. September 1996 wurde das Kataster-Pilotprojekt Soligorsk im Rahmen einer offiziellen Feier in Anwesenheit von gewichtigen Repräsentanten der weissrussischen und der schweizerischen Regierung abgeschlossen. Das Projekt war aufgrund einer Anfrage der weissrussischen Regierung an die Schweiz, im Rahmen der 1992 beschlossenen Finanzhilfe für die GUS-Staaten ein Pilotprojekt für die Einführung eines Katastersystems finanziell und technisch zu unterstützen. Das Kataster-System soll Weissrussland beim Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft einerseits und bei der Bewältigung seiner Umweltprobleme unterstützen. Das Bundesamt für Aussenwirtschaft prüfte das Begehren und die beiden Regierungen schlossen ein Abkommen über die finanzielle Unterstützung der Realisierung eines Pilotprojektes mit dem Ziel, die notwendige Technologie und das know-how für den Aufbau eines nationalen Landinformationssystems nach Weissrussland zu transferieren.

Jürg Kaufmann (1997)

Als Pilotgebiet wurde der Bezirk Soligorsk, ein Kaliumabbaugebiet von 2500 km2 ausgewählt. in dem neben der Landprivatisierung auch schwerwiegende Umweltprobleme zu lösen sind (Abbildung 1). Über diesen Bezirk war ein Landinformationssystem aufzubauen, das über die tatsächliche Situation, die administrativen Einheiten, das Privateigentum, die Bodenqualität und die Umwelteinflüsse des Unfalls bei Tschernobyl Auskunft geben und einerseits die Dokumentation des neu entstehenden privaten Grundeigentums sicherstellen und andererseits die Basis für die permanente Umweltüberwachung bilden kann. Um das Landinformationssystem aufbauen zu können, musste das Pilotgebiet neu vermessen werden. Damit das Ziel des Know-how-Transfers erreicht werden konnte, wurden alle Probleme des Projektmanagements, des Gebrauchs von modernen Einrichtungen, der Zusammenarbeit verschiedener Autoritäten, der Auswertung der Informationen und der Qualitätskontrolle im Pilotprojekt bearbeitet und dokumentiert. Die weissrussischen Spezialisten wurden mit den modernen Einrichtungen und den neuen, im Rahmen der RAV-Pilotprojekte entwickelten und geprüften Verfahren vertraut gemacht. Das Pilotprojekt wurde im März 1994 begonnen. Die Resultate des Pilotprojektes, sind positiv. Ein funktionierendes, aktuelles Landinformationsystem über 2500 km2 konnte in eineinhalb Jahren aufgebaut werden. Die weissrussischen Spezialisten wurden so ausgebildet, dass sie in der Lage sind, am Aufbau des geplanten umfassenden nationalen Katastersystems selbständig weiterzuarbeiten. Die Arbeit in weiteren Distrikten wurde bereits in Angriff genommen. Anlässlich der Schlussfeier des Pilotprojekts wurde zudem ein neues Abkommen zwischen der Schweiz und Belarus geschlossen mit dem Ziel, die Arbeitskapazitäten zu erhöhen und die Beschaffung weiterer Umweltinformationen zu unterstützen.

Nach dem Zusammenbruch des Planwirtschaftssystems in der Hemisphäre der ehemaligen Sowjetunion hat das schweizerische Parlament entschieden, für Osteuropa und die GUS-Staaten finanzielle und technische Hilfe zu leisten. Die für diesen Zweck zur Verfügung gestellte Summe betrug 1.4 Milliarden Schweizer Franken und sollte vor allem für Infrastrukturprojekte ausgegeben werden. Der Aufbau von Katastersystemen wurde als sehr wichtige Infrastrukturarbeit beurteilt. Eine freie Wirtschaft kann nur entwickelt werden, wenn die Verhältnisse betreffend das Eigentum und die Nutzungsmöglichkeiten des Landes klar dokumentiert sind und wenn es möglich ist, Kredite basierend auf Hypotheken zu erhalten. Auch in der Schweiz sind zurzeit Kredite im Wert von rund 440 Mia. Franken durch Hypotheken gesichert.

In allen Ländern in Osteuropa und der GUS wurde die Landreform begonnen und verschiedene Katasterprojekte werden durch die Schweiz unterstützt. Das Pilotprojekt Soligorsk ist das erste, das erfolgreich abgeschlossen werden konnte.

 

Probleme und Notwendigkeiten

Im Jahre 1993 gelangten die Behörden der weissrussischen Republik mit einem Begehren an die Schweiz, den Aufbau eines Katastersystems in Weissrussland finanziell und technisch zu unterstützen. Das Katastersystem soll dazu dienen, die Privatrechte an Land zu dokumentieren und damit zu sichern. Die Katasterbasis soll auch die Landstatistik und das Landmanagement unterstützen und die Basis für den Aufbau verschiedener nationaler Kataster im Umweltbereich bilden.

Im Juli 1993 wurde das Gesetz über das 'Recht auf Landeigentum' der Republik Belarus in Kraft gesetzt. In Übereinstimmung mit diesem Gesetz können die Bürger der Republik dasjenige Land kaufen, das ihnen bisher vom Staat für den Bau von Häusern, für Datschen und für die landwirtschaftliche Produktion auf eigene Rechnung zur Verfügung gestellt wurde. Die Privatisierung von Land wurde 1993 begonnen. Es wird erwartet, dass Weissrussland nach dem Privatisierungsprozess 2.1 Millionen Privateigentümer haben wird. Bis April 1996 wurden rund 330'000 Kaufverträge ausgestellt. Jede private Parzelle ist ausgemessen und in einer offiziellen Urkunde dokumentiert. Die Eigentumsverhältnisse sollen im Katastersystem gespeichert werden, um die Sicherheit des Eigentümerschaft zu verbessern.

Im April 1993 hatte der Ministerrat der Republik von Weissrussland ein Gesetz für die staatlichen Kataster über die nationalen Ressourcen erlassen. Dieses Gesetz bestimmt die folgenden Dokumentationen als Teil des nationalen Katasters:

Zustand und Entwicklung des Klimas
Zustand und Entwicklung des Grundeigentums
Zustand und Entwicklung der Gewässer
Zustand und Entwicklung der Luft
Zustand und Entwicklung der Wälder
Zustand und Entwicklung des Untergrundes
Zustand und Entwicklung der Fauna
Zustand und Entwicklung der Vegetation
Zustand und Entwicklung der Torfressourcen
Zustand und Entwicklung der Abfallsituation

Die Koordination all dieser Dokumentationen (Kataster) obliegt dem Ministerium für natürliche Ressourcen und Umweltschutz.

Das grösste Problem der Republik Belarus sind die Konsequenzen des Unfalls im Kernkraftwerk von Tschernobyl in der Ukraine. Das Kraftwerk befindet sich etwa 30 km von der südöstlichen Grenze von Weissrussland. Über 70% des nuklearen Niederschlags ging über weissrussischem Territorium nieder. Dieser Unfall hat für die Republik schwerwiegende Probleme geschaffen. Die Dokumentation über den Zustand der Umwelt hat deshalb eine viel höhere Priorität als in anderen Ländern.

 

Projektdefinition

Erkundungsmission

Das Bundesamt für Aussenwirtschaft (BAWI) beauftragte mich, das Begehren für die Unterstützung im Rahmen einer Erkundungsmission in Weissrussland im November 1993 zu überprüfen und allenfalls zu präzisieren. Die weissrussischen Vorschläge wurden nochmals intensiv diskutiert. Der Bedarf wurde verifiziert und die Voraussetzungen in Belarus für die Durchführung eines solchen Projektes wurden evaluiert. Schliesslich wurde vorgeschlagen, ein kombiniertes Landinformationssystem über den ganzen Bezirk Soligorsk aufzubauen und damit den Technologie- und Wissenstransfer sicherzustellen. Die Ausdehnung des Projektes über einen ganzen Bezirk wurde festgelegt um die organisatorischen und technischen Probleme einer grossflächigen Datenbereitstellung praktisch zu lösen und um die Abläufe bei der Nachführung der Daten einwandfrei regeln zu können. Die ins System aufzunehmende Information wurde festgelegt und die organisatorischen Randbedingungen geklärt. Eine detaillierte Projektbeschreibung wurde zuhanden des BAWI ausgearbeitet.

Systemstruktur und -inhalte

Inhalt und Struktur des Landinformationssystems sind in der Abbildung 2 wiedergegeben.

Diese Struktur entspricht im wesentlichen dem schweizerischen Modell der neuen amtlichen Vermessung. Dieses Modell kann leicht mit weiteren Themata erweitert werden und die Verantwortung für die Themata kann kompetenten Partnern übergeben werden. Im Pilotprojekt für den Distrikt von Soligorsk wurden dieses Modell praktisch getestet.

Arbeitsschritte

 

Die Arbeitsschritte beim Aufbau des Katastersystems im Distrikt von Soligorsk waren die folgenden:

1. Verdichten des Fixpunktnetzes durch Vermessung mit GPS
2. Aufnehmen der photogrammetrischen Luftbilder
3. Bestimmen der Passpunkte durch Aerotriangulation
4. Definieren der Eigentumsgrenzen zusammen mit den zukünftigen Eigentümern
5. Digitalisieren der Grenzen der Sovchosen und Kolchosen
6. Auswerten der Bodenarten und von ausgewählten Einzelobjekten aus Luftbildern
7. Photogrammetrische Auswertung der luftsichtbaren Eigentumsgrenzen
8. Ergänzung des Inhaltes des Landinformationssystems durch terrestrische Vermessung
9. Integrieren der vorhandenen Information über die Bodenqualität ins Landinformations- system durch digitalisieren
10. Integrieren der vorhandenen Information über die radioaktive Verschmutzung

 

Projektorganisation

Für die Projekteinführung auf weissrussischer Seite war das staatliche Komitee für Land Ressourcen und Land Management des Ministeriums für natürliche Ressourcen und Umweltschutz der weissrussischen Republik zuständig .Weitere interessierte Behörden wurden in ein beratendes Organ eingebunden. Verschiedene Arbeitsgruppen wurden eingesetzt. Für alle Organisationseinheiten wurde ein klares Pflichtenheft festgelegt.

Die Projektorganisation ist in Abbildung 3 dargestellt.

 

Beteiligung der weissrussischen Republik am Pilotprojekt

Der Beitrag der Republik Weissrussland zum Pilotprojekt war im Rahmen der Vertragsverhandlungen definiert worden.

Ungefähr 120 Landmanagement-Spezialisten arbeiteten am Projekt wie folgt mit:

10 Personen waren in Kaderpositionen im Rahmen der Projektführung
75 Personen, arbeiteten im Felde an der Identifikation der Bodenarten, der Grenzfeststellung, der Definition der Landrechte und der -nutzung und an der terrestrischen Vermessung der Objekte
5 Personen bearbeiteten die Landbewertung
25 Personen werteten die Luftbilder photogrammetrisch aus
5 Personen definierten das Informationssystem und arbeiteten an dessen Aufbau

Neben den Kosten für diese Humanressourcen übernahm die weissrussische Regierung die Kosten für Übersetzungen, Filmmaterial, Räume, Energie und Dokumentationen.

 

Schweizerischer Beitrag

Der schweizerische Beitrag bestand aus der Lieferung von Ausrüstungen, Einrichtungen und aus technischer Hilfe im Projektmanagement, Ausbildung und Qualitätskontrolle. Folgende Ausrüstungen wurden geliefert:

1 Photogrammetrisches Kamerasystem RC30/25/30
1 ASCOT-Software-System für GPS Navigation
2 analytische Stereoauswertesysteme SD3000
1 PATB-GPS Aerotriangulation Software-System
4 DVP, digitale Videoplotter-Systeme zur Rückgabe
1 600dpi-Scanning-System für Luftaufnahmen
7 GPS Systeme 200 mit Software
3 TC1010 Totalstationen
2 Adalin GIS-Arbeitsstationen

Der Wert des schweizerischen Beitrages für Einrichtungen und technische Hilfe betrug rund 3.2 Millionen Franken.

 

Projektablauf

Der Ablauf des Projektes ist in Abbildung 4 dargestellt. Auffallend sind auf schweizerischer Sicht die Bearbeitungszeiten der einzelnen Arbeitsschritte.

Die Fixpunktverdichtung konnte innert eines halben Jahres vom Mai bis Oktober 1994 durchgeführt werden. In dieser Zeit wurden 530 Fixpunkte rekognosziert, versichert und mit den GPS-Geräten vermessen.

Die Aerotriangulation wurde auf den SD3000-Geräten flächendeckend durchgeführt. Sie lieferte zusätzliche Fix- und Verknüpfungspunkte für die weitere Auswertung.

Die Identifikation diente der Festlegung der einzelnen Bodenarten und der Grenzfeststellung. Gemeinsam mit den Eigentümern und den lokalen Behörden wurden sowohl die Eigentumsgrenzen, die administrativen Grenzen und die Abgrenzungen der einzelnen Bodenarten, sowie die meliorierten Gebiete aufgrund von Photovergrösserungen im Feld festgelegt.

Bei der photogrammetrischen Auswertung wurden für die Land- und Forstwirtschaftsgebiete die DVP-Geräte eingesetzt. In den städtischen Gebieten kamen die SD3000 zur Anwendung. Es wurde zunächst alles ausgewertet, was auf den Bildern erkennbar war, auch die Eigentumsgrenzen. Lücken wurden anschliessend mit den terrestrischen Instrumenten und den GPS-Geräten gezielt geschlossen. Die Auswerter waren so trainiert, dass sie vollständige Objekte erzeugten, wo immer dies ging. Damit wurde der Nachbehandlungsaufwand auf ein Minimum reduziert.

Die vorhandenen guten Unterlagen betreffend die Bodenqualität wurden digitalisiert und ins neue Referenzsystem eingepasst. Ebenso wurden neuere vorhandene Plangrundlagen im Stadtgebiet von Soligorsk gescannt und als Datenquelle verwendet.

Mit den DVP und den SD3000 und an den Adalin-Systemen wurde in zwei Schichten gearbeitet, sobald genügend ausgebildete Spezialisten zur Verfügung standen. Dadurch wurde es möglich, dass die Fläche von 2500 km2 in nur 18 Monaten vollständig und qualitativ hochwertig ins LIS eingearbeitet werden konnte.

 

Resultate

Das Pilotprojekt erbrachte die vorgesehenen Resultate. Das gesamte Gebiet des Bezirks Soligorsk, der noch rund 500 km2 grösser ist als der Kanton St. Gallen wurde vermessen und im Landinformationssystem in der vorgesehen Struktur modelliert. Einige Beispiele von Auswertungen aus dem Datensatz Soligorsk sind in den Abbildungen 5 bis 7 dargestellt. Eine vollständige Dokumentation über die 'Entwicklung des Projektes aus Sicht des Teams Schulung, Begleitung und Qualitätskontrolle' wurde vom Ingenieur- und Vermessungsbüro Sennhauser, Werner & Rauch vorgelegt [1].

Die Republik Belarus verfügt nun über gut ausgebildete Spezialisten, die in der Lage sind, ein modernes, zukunftweisendes nationales Landinformationssystem einzuführen und zu betreiben.

Als erste Auswertungen aus dem LIS wurden auch die offiziellen Urkunden für 33'000 neue Landeigentümer (Abbildung 8) und statistische Zusammenstellungen (Abb. 9) automatisch hergestellt.

Damit wird die Republik Belarus befähigt, den Übergang vom der Plan- zur Marktwirtschaft einfacher zu bewältigen und die anstehenden Umweltprobleme aufgrund klarer Grundlagen zu überwachen und einer Lösung entgegenzuführen.

Anlässlich der Schlussfeier haben die weissrussischen Partner einen Bericht 'Landinformationssystem in der Republik Belarus, Pilotprojekt zur Schaffung eines Land- und Oekologiekatasters der Kreises Soligorsk, Gebiet Minsk, Republik Belarus gemeinsam mit der schweizerischen Eidgenossenschaft' [2] vorgelegt, in dem das Projekt beschrieben ist und in dem die Bedeutung der schweizerischen Hilfeleistung sehr gut zum Ausdruck kommt.

 

Erfahrungen

Die folgenden Erfahrungen konnten gemacht werden:

  • Die weissrussischen Partner arbeiteten im Rahmen des Pilotprojektes motiviert, kompetent und diszipliniert mit.
  • Das theoretische Wissen über Landmanagement und Vermessungstechnik aller am Projekt Beteiligten war auf einem sehr hohen Niveau.
  • Der schweizerische Lösungsansatz RAV für ein neues Katastersystem, das die Aufgabe 'Grundbuchvermessung' im Rahmen des Landinformationssystems löst, statt traditionelle Katasterkarten, Übersichtspläne und Grundbücher zu herzustellen, wurde von den weissrussischen Partnern auf der politischen und der fachtechnischen Ebene sehr gut verstanden.
  • Die weissrussischen Spezialisten wurden in sehr kurzer Zeit mit den völlig neuen Ausrüstungen vertraut.
  • Die schweizerische Ausrüstung zeichnet sich durch eine grosse Zuverlässigkeit und Effizienz aus. Die Geräte arbeiteten trotz der intensiven Beanspruchung einwandfrei und es war kein einziger Systemausfall zu verzeichnen.
  • Das Konzept der Ausbildung und der Wissensvermittlung war ein voller Erfolg. Es war möglich, Schlüsselpersonen im Ausland eine umfassende Ausbildung zukommen zu lassen. Die Schlüsselpersonen waren dafür verantwortlich, dass das erworbene Wissens an weitere Spezialisten in der Republik weitergegeben wurde. Schliesslich arbeitete zwei Arbeitsschichten auf jedem Instrument.
  • Die Arbeitsgeschwindigkeit ist, nach einer sorgfältig geplanten und durchgeführten Einfühungsphase, sehr hoch. Es wurde möglich, dass pro Monat rund 200 km2 Land vermessen und modelliert werden konnten. Der Projektfortschritt geht aus den Abbildungen 10 bis 12 hervor.
  • Die Unterstützung der politischen Instanzen war gross.
  • Trotz der widerwärtigen oekonomischen Verhältnisse wird auf weissrussischer Seite alles daran gesetzt, die schwierigen oekonomischen und oekologischen Probleme in den Griff zu bekommen.
  • Von den Menschen in Belarus können wir Schweizer viel lernen. Trotz widerlicher Umstände wird der Mut nicht verloren, wird gut und zielgerichtet gearbeitet. Menschliche Wärme, Anstand und Gastfreundschaft bleiben so selbstverständlich, wie sie es wohl immer waren.

 

Nächste Schritte

Weitere Katasterarbeiten wurden in den Distrikten von Dcherchinsk, Minsk, Minsk Stadt, Gomel, Brest und Gorki bereits in Angriff genommen. Die Luftbilder über diese Bezirke sind bereits erstellt und die Aerotriangulation ist im Gange.. Die schweizerische Regierung hat in Übereinstimmung mit der Weltbank entschieden, zusätzliche Hilfe zu leisten, um die Arbeitskapazität zur Datenbeschaffung für die Katasterbasis zu erhöhen und das Know-how für die Beschaffung von weiteren Umweltdaten zu fördern. Mit Hilfe der Fernerkundung sollen weitere Informationsebenen ins Landinformationssystem integriert werden, damit die Überwachung der Umwelt besser ermöglicht wird und die notwendigen Massnahmen zur Sanierung der gravierenden Umweltschäden in umfassender Kenntnis der Situation ergriffen werden können. Mit der vergrösserten Arbeitskapazität sollte es möglich sein, das nationale Katastersystem in den nächsten 10 Jahren zu realisieren.

Im Rahmen der weiteren Projektarbeit sollen auch die Probleme des Betriebs von Landinformationssystemen, das Problem der Kostendeckung und die Möglichkeiten der Privatisierung der Arbeit näher untersucht werden.

 

Jürg Kaufmann
Kaufmann Consulting
CH-8455 Rüdlingen
e-mail: jkcons@swissonline.ch

 

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