Das Buch von Martin Weiss zum 450-jährigen Bestehen des Murerplans, einem Pionierwerk der Schweizer Geodäsie, erscheint am 29. September 2026. Die Ausstellung zu Jos Murer und seinem Werk ist ebenfalls ab 29. September zu sehen im Haus zum Rech (Stadtarchiv), Neumarkt 4, Zürich, im Parterre beim Stadtmodell. Zudem gibt es anlässlich von „Zürich liest“ zwei Führungen von Martin Weiss zu den Schauplätzen Murers in der Altstadt: Samstag, 24. Oktober ab 14.00 Uhr und Sonntag, 25. Oktober ab 10.30 Uhr, Start beim Zentrum Karl der Grosse, Kirchgasse 14.
Als der Murerplan 1576 erschien, war es, als hätte ein Magier ein Kaninchen aus dem Zylinder gezaubert. Erstmals sahen die Zürcherinnen und Zürcher ihre Stadt aus der Vogelperspektive. Noch heute hängt dieses Meisterwerk der Kartografie in vielen Amtsstuben und Haushalten. Doch Jos Murer (1530–1580) hat die Kunst der Renaissance nicht nur als Kartograf, sondern auch als Glasmaler geprägt. Zahlreiche seiner «kristallin leuchtenden» Kunstwerke sind international in Museen präsent. Und weniger bekannt: Er schrieb mehrere Dramen, die auf dem Fraumünsterhof aufgeführt wurden und regelrechte Volksfeste waren. Doch wie schaffte es Jos Murer, die Stadt mit all ihren verwinkelten Gassen und trutzigen Türmen von oben zu zeigen? Und wie gelang es ihm, daneben als Ratsmitglied tätig zu sein und mit seiner Frau Barbara eine Familie mit zwölf Kindern – trotz Pest und Klimaverschlechterung – über die Runden zu bringen?
Martin Weiss führt in einer spannenden Erzählung durch das Leben und Werk des «da Vinci von Zürich» und veranschaulicht seine Geschichte an den Schauplätzen des Murerplans. Eingebettet ist sie in die dramatischen Umbrüche der Zeit.
Auszug: Auf den Türmen und in den Gassen – Die Arbeit am Murerplan beginnt
Beflügelt vom Erfolg der Züribietkarte nimmt Jos 1573 erneut seine Vermessungsgeräte zur Hand, um die Limmatstadt «in Grund zu legen», wie man das Kartografieren damals nannte. Die über tausend städtebaulichen Objekte in den verwinkelten Gassen zu vermessen, bedeutete nicht nur den Schritt von der weiträumigen Landschaft ins kleinmassstäbliche Urbane, sondern auch in eine weit präzisere Darstellung. Dabei arbeitete Jos auch diesmal nicht allein. Sein 15-jähriger Sohn Christoph, der bei ihm die Lehre machte, stand ihm bei diesem Grossprojekt zur Seite.
Jos Murer hat über seine Arbeit an der Planvedute nichts hinterlassen, keine Skizzen, keine Datenblätter, nichts. Wir sind somit auf Vermutungen angewiesen, beginnend mit der ersten, entscheidenden Frage: Von wo aus konnten die beiden Vermesser die Stadt am besten überblicken? Die Antwort: Von der Turmstube von St. Peter aus. Sie liegt 47 Meter über der Limmat und verfügt über vier Erker, die den städtischen Feuerwächtern seit dem frühen Mittelalter als Ausguck dienten. Ideal, um die Stadt nach allen Seiten hin zu überblicken und zu vermessen. Wie heute führte auch damals der Aufstieg in den Turm über 162 Treppenstufen zunächst in den Glockenhimmel im zweitobersten Stock.
Als erstes dürften die Beiden von der Turmstube aus eine horizontale Basislinie gelegt haben, indem sie das 1532 errichtete Oetenbachbollwerk (heute Amtshaus II am Beatenplatz) anpeilten. Danach folgte die vertikale Achse hinauf zum heute nicht mehr existierenden Wolfturm (heute Hirschengraben 20/22). Noch heute lassen sich die beiden Punkte von den Erkern aus gut verorten, wie meine Begehung des Turms gezeigt hat. Dass der Wolfturm auf dem Murerplan nicht exakt auf der Vertikalen liegt, ist ein Indiz dafür, dass der Plan nicht nach Augenmass, sondern geodätisch präzise vermessen wurde. Dies erklärt auch die ungewöhnliche Ausrichtung der Karte: Die Windrose auf dem Murerplan zeigt von 247,4 Grad West-Südwest nach 67,6 Grad Nord-Nordost und weicht damit deutlich von der damals üblichen Südausrichtung ab. Die Altstadt und das Wahrzeichen Zürichs kamen auf diese Weise perfekt zur Geltung. Schon Johannes Stumpf hatte Zürich in seinen «Landtafelen» 1548 aus diesem Blickwinkel ins Bild gesetzt, allerdings mit nur schematisch gezeichneten Gebäuden. Jos Murer genügte dies grobe Darstellungsart nicht. Der Künstlerkartograf wollte eine authentische, exakt vermessene, bis ins letzte Detail ausgearbeitete Planvedute schaffen — eine Karte aus der Vogelschau. Im urbanen Raum müssen die Vermessungsdaten auf die Bogensekunde genau sein. Eine simple Dioptra genügt dafür nicht. Es ist deshalb davon auszugehen, dass sie ein präziseres Instrument verwendet haben, wahrscheinlich ein Graphometer. Das ist ein Halbkreisgerät, das an der geraden Seite über eine zweite, fixe Peilvorrichtung verfügt. Das hatte den Vorteil, dass sie das Gerät anhand des Kompasses schnell und präzise auf die horizontale Basislinie ausrichten und mit dem beweglichen Peilstab den Winkel zum Objekt im Stadtraum bestimmen konnten.
Die Trigonometrie-Fans ahnen bereits, was danach folgte: Sie haben den Winkel zum Wolfturm gemessen. Danach mussten sie nur noch die Länge der Basislinie bestimmen, um auch die Gegenkathete und die Hypothenuse berechnen zu können. Zum Einsatz gelangte das Schrittmass oder bei kürzeren Strecken eine Messschnur, wie sie schon die alten Ägypter bei der Feldmessung verwendet haben. Denkbar ist auch ein Gerät, das schon die alten Römer nutzen: Ein Hodometer, bei dem jede volle Umdrehung des Rads in einem Zählwerk als Schritt aufaddiert wurde. Leonardo da Vinci nutzte 1502 einen von ihm entworfenen Wagen mit einem Hodometer, um die Stadt Imola zu vermessen. Später entstanden auch so genannte Pedometer im Taschenuhrenformat, die am Körper getragen wurden. Der Neuenburger Uhrmacher Abraham-Louis Perrelet, der auch als Erfinder des automatischen Aufzugs für Taschenuhren gilt, stellte solche ab 1780 her. Es ist davon auszugehen, dass sie danach sämtliche Eckpunkte der Stadt auf die gleiche Weise vom St. Peter aus vermessen haben. Die daraus entstandenen Dreiecke waren komplizierter zu berechnen, aber Jos Murer hatte zwei Personen zur Hand, die das konnten.
Zum einen Sebastian Schmid, zum andern sein ältester Sohn Johannes, der am Carolinum die Septem Artes Liberales und damit auch Arithmetik und Geometrie studierte. Zusammen mit Christoph, der zeichnerisch ausserodentlich begabt war, ergab dies ein stattliches Team, das unter der Leitung von Jos Murer an der Entstehung des Murerplans beteiligt war. Was nun noch fehlte, war die Positionierung der markantesten Hotspots im Inneren der Stadt, etwa des Rathauses, der Wasserkirche oder des Wellenbergturms aber auch der Eckpunkte der Gassen und Brücken. Die dafür notwendigen Winkelmessungen erfolgten erneut von der Turmstube des St. Peters aus. Da es für die Positionierung jeweils zwei Winkel brauchte, machten sie das Gleiche noch vom Südturm des Grossmünsters aus, denn der Nordturm war 1572 nach einem Blitzschlag abgebrannt.
Unmengen von Daten kamen auf diese Weise zusammen, die Johannes, der älteste Sohn von Jos Murer und der Mathematiker in der Familie, fortlaufend in einen Plan übertrug, bis schliesslich ein geometrisch exakter Grundriss der Stadt vorlag. Mit Betonung auf geometrisch exakt. Denn legt man den Murerplan auf den heutigen Stadtplan, sind die beiden praktisch deckungsgleich. Das Haus zum Rüden, die Wasserkirche oder der Grimmenturm am Neumarkt stehen im Murerplan exakt an ihren heutigen Positionen. Auch die Winkel zwischen St. Peter, Fraumünster und Grossmünster stimmen aufs Grad mit der heutigen Realität überein.
Das bedeutet: Der Murerplan vermittelt zwar den Eindruck, als würde man von hoch oben auf die Stadt herunterblicken, ist tatsächlich aber ein exakter Stadtplan ohne perspektivische Verzerrungen. Die Gassen verengen sich nach hinten nicht. Die Befestigungsmauern vorne und hinten sind gleich gross. Wie also, fragt man sich, haben sie die Vogelschau in den Plan gebracht? Des Rätsels Lösung ist ein zeichnerischer Trick: Jos Murer hat die Gebäude in der Kavaliersperspektive, also leicht schräg von oben auf den Plan gesetzt. Der Begriff stammt aus dem Militärwesen der Franzosen und stand zunächst für die Position eines Reiters (chevalier), später für einen erhöhten Posten auf einem Hügel. Mit diesem Trick, ohne die kartografisch exakte Position der Gebäude zu verändern, hat er den Plan in eine Vedute verwandelt. Nur bei den Häusern entlang der Limmat kommt ein Hauch von Zentralperspektive auf: Links sieht man die rechte Gebäudeseite, rechts die linke, was wohl daran lag, dass die Turmstube von St. Peter der Blickpunkt des Zeichners war. Zudem hat Murer die Häuserzeilen an der Nieder- und der Oberdorfstrasse etwas auseinandergerückt, weil sonst die vorderen Häuser die hinteren abgedeckt hätten.